Krimi Tage – Unsere Krimis – ein Labsal für die Nerven

Unsere Krimis – ein Labsal für die

Große Literatur als Rechtfertigung für kriminalistischen Voyeurismus?

Der absonderliche Jean-Baptiste Grenouille ist ein Mörder. Auf unwegsamen Gleisen beginnt schon mit seinem ersten Lebenstag ein Leben voller Lieblosigkeit. Ungewollt und verachtet, mitten im Paris des 18. Jahrhunderts, im schmutzigsten und ärmsten Viertel der Stadt. Einer Umgebung unerbittlicher Realität.
28 Jahre lang begleiten wir Jean-Baptiste, angefangen am Tag seiner Geburt. Und von Beginn an ahnen wir um die Grausamkeiten, die uns der Roman auftischen wird. Doch in Erwartung des schriftstellerischen Kunstwerks lesen wir über die ersten Mord des 15-jährigen Jean-Baptiste hinweg, ohne zu merken, dass wir uns inmitten eines Krimis befinden.

Die verzweigte Geschichte einer ligurischen Benediktinerabtei spielt im 14. Jahrhundert; zwischen politisch-theologischen Geschehnissen um weltliche und klerikale Herrscher ist ein mysteriöser Mord geschehen. Ein früherer Inquisitor namens William wird abgeordert, um sich seiner Aufklärung anzunehmen. Die Spur führt ihn in die unheimliche Klosterbibliothek, in der geheimes Wissen verborgen scheint. Undurchschaubare Persönlichkeiten und weitere scheinbar ohne Zusammenhang begangene Morde lassen auch hier einen Krimi vermuten, wiederum gut getarnt in einem großen literarischen Werk.

historische Romane

Beide Romane, Patrick Süskinds „Das Parfum“ und Umberto Ecos „Der Name der Rose“, sind historische Romane, deren Kernhandlung durchzogen ist von Mord und brutaler kriminelle Energie. Dennoch kommen die beiden Werke in einem anderen Gewand daher als andere Krimis. Sie strahlen Seriosität aus. Sie unterscheiden sich von einem spannenden Urlaubskrimi, dem doch immer der unangenehme Geruch der Trivialliteratur anhängt. Aber was macht den Unterschied aus?

Liegt er in der unschuldigen Motivation des Lesers, der sich in die Lektüre „Das Parfum“ vertieft, nicht ahnend, dass er sich schon bald mitten in grauenvollen Szenarien aufhalten wird, ausgeführt von einer unfassbar klaren und ebenso „gefühlbefreiten“ Mörderpersönlichkeit? Wollte der Leser nicht einfach ein „gutes Buch“ lesen und hat sich nur „ganz zufällig“ einen voyeuristischen Einblick in das tiefste Innere des Jean-Baptiste gegönnt?

Ähnliche Prozesse könnten auch beim Lesen von „Der Name der Rose“ ablaufen. Gewaltverbrechen und Intrigen sind gut verpackt in die umfangreiche Geschichte über fiktive und historische Figuren. Dennoch reizen sie schlicht auch die Neugier auf das Böse. Dient der weltberühmte Autor und sein anerkannter Roman dabei als eine Rechtfertigung für das Vergnügen am Krimi?

Mordlust im historischen Roman

Oder ist es umgekehrt? Der historische Roman beherbergt die Mordlust des Jean-Baptiste und die notwendigen Serienmorde zum Schutz der klösterlichen Geheimnisse als Teil der Handlung und der Leser hat keine andere Wahl, als die Gewalttäter durch die Geschichte zu begleiten. Und das nicht ohne Mitgefühl und Sympathie.

Tags

Categories

  • Keine Kategorien