Krimi Tage – Unsere Krimis – ein Labsal für die Nerven

Unsere Krimis – ein Labsal für die

Ungewollte Aktualität

bekommt dieser Tage der Kriminalroman „Letale Dosis“ von Andreas Franz, erstmals im Jahr 2002 im Knaur Verlag erschienen.

Der Prolog, der die ersten fünf Seiten des Krimis füllt, beschreibt genau das, womit uns die Medien zurzeit so schonungslos konfrontieren. Ein Mädchen wird sexuell missbraucht. Es ist ihr Vater, der sie schon seit ihrem achten Lebensjahr regelmäßig vergewaltigt. Doch Vergewaltigung scheint nicht das rechte Wort zu sein für das, was vor sich geht. Vergewaltigung klingt nach Gewalt, nach Aggression und lautem Geschrei. Das, was die beklemmende Szene beschreibt ist etwas Stilles. Etwas, das tief im Inneren schmerzt und das dem Leser eine leise Andeutung davon zu vermittelt sucht, wie sich autoritärer Machtmissbrauch und Angst in Kombination mit sexualisierter Gewalt für ein Kind anfühlen könnten.

Es ist nur eine kurze Szene, die dem Leser Einblick in ein Geschehen gewährt, das weit vor Beginn des eigentlichen Handlungsstranges vor sich gegangen ist. Und obgleich die kurze Sequenz bis kurz vor Ende des Romans praktisch nicht in die Geschichte hineinragt, so hat sie sich doch im Bewusstsein des Lesers festgesetzt.

Dem Autor ist es gelungen – und es ist eine wahre Gratwanderung, diesem empfindlichen Thema gerecht zu werden – schlicht und ohne Sensationslust die Szene zu schildern. Es ist ihm gelungen, als Beobachter nicht den Zeigefinger zu erheben oder sich der eigenen Wut mittels seiner Worte zu entledigen. Andreas Franz überlässt es dem Leser, auf die Ungeheuerlichkeit zu reagieren. Er stellt es frei, die stille Verzweiflung mit dem Mädchen zu teilen. Dabei scheut er sich nicht, konkret zu werden, ohne dabei den Voyeurismus des Lesers zu bedienen.

Der Roman selbst beschreibt ein anderes Handlungsthema als sexualisierte Gewalt. Macht ist es und eiskalte Arroganz, die derart in die Biographie anderer Menschen eingreifen, dass sich daraus ein Mordmotiv entwickelt. Drei hochrangige Funktionäre einer eigentümlichen religiösen Gemeinschaft mit christlichem Hintergrund sind die Opfer ausgeklügelter Giftmorde, die von Kommissarin Julia Durant und ihrem Team aufzuklären sind. Die fiktive „Kirche des Elohim“ als Rahmenkonstrukt ist dabei selbstverständlich kein Zufall.

Der gläubige Christ Andreas Franz setzt vor seinen Roman ein Bibelzitat, das auf die christlichen Grundgedanken von Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Treue verweisen – genau die Werte, die wir momentan in den Reden seitens der Kirche vergeblich suchen. Auf der Homepage des Autors hingegen (www.andreas-franz.org) kann man genau das lesen, was momentan viele Menschen bewegt: “Allerdings musste ich im Laufe meines Lebens auch feststellen, dass die größte Brutstätte für Heuchelei innerhalb der Kirchen zu finden ist, eine Art kollektive Bigotterie. Meine Recherchen ergaben, dass selbst einige der vorgeblich honorigsten Herren, die mit scheinbar demutsvoller Stimme von der Liebe Gottes und vom ewigen Leben predigten (…) im wahren Leben oftmals die schlimmsten Lügner und Betrüger waren (…). Nachdem ich immer weiter recherchierte, wurde ich mit soviel Schmutz konfrontiert, dass ich mich entschloss, darüber einen Roman zu schreiben (…).”

Mit seinem Statement bringt Andreas Franz auf den Punkt, was gesagt werden muss. Nicht eine Kultur des Schweigens und Vertuschens ist es, das als wirksames Mittel gegen sexualisierte Gewalt nutzt, sondern Offenheit und Mut. Missbrauch kann nicht verhindert werden. Es gab ihn immer und es wird ihn immer geben, aber in einer Atmosphäre von Ehrlichkeit und mit genauem Hinsehen entstehen Schlupflöcher für die Opfer, in denen sie Hilfe bekommen können und ihr Martyrium ein Ende findet.

Andreas Franz ist zurzeit auf Lesereise quer durch die Republik und auch tritt auch im Herbst wieder bei diversen Krimi-Veranstaltungen (Termine der Lesungen)  unter in die Öffentlichkeit. Dabei zeichnen sich seine Auftritte dadurch aus, dass er im Anschluss an eine kurze Lesung Details zu der Entstehungsgeschichte des jeweiligen Buches preisgibt. Ein verbales „Making Of“ sozusagen.

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