Krimi Tage – Unsere Krimis – ein Labsal für die Nerven

Unsere Krimis – ein Labsal für die

Richard Thiess

„Mordkommission – Wenn das Grauen zum Alltag wird“. Ein ausdrucksstarker Titel. Stilistisch könnte er der BILD-Zeitung entstammen, wo der dahinter verborgene Text allerdings kaum halten würde, was die Headline verspräche.

Im Falle Richard Thiess’ Buch, das den eben zitierten Titel trägt, ist das Umgekehrte der Fall. Gewalt ist tatsächlich der (blut-)rote Faden, der dem Titel über 240 Buchseiten folgt. Und zweifelsohne darf sich Richard Thiess eines solch reißerischen Titels bedienen. Denn er schreibt nicht um zu schocken, sondern er ist geschockt über das, was er schreiben musste.

Es ist kein Kriminalroman, sondern ein Sachbuch im weiteren Sinn. Ein Tatsachenbericht. Ein Resümee, gezogen aus den eigenen Erfahrungen des Autors in seinem Berufsalltag. Als Leiter der Mordkommission V des Münchner Präsidiums war er jahrelang an der Basis. Hat das Grauen selbst verspürt, das anderen – Opfern und Angehörigen der von ihm bearbeiteten Fälle – widerfahren ist.

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Ein Schlüsselerlebnis aus der Praxis

ist es gewesen, das den Kommissar zum Schreiben gebracht hat. Der unnötige Tod einer jungen Frau und die schwere Aufgabe, ihren Eltern von dem Mord an ihrer Tochter berichten zu müssen, trieben den Autor an, das Erlebte in Worte zu fassen. Es auszudrücken und so zu verarbeiten. Das Schreiben sei ihm immer leicht gefallen. So beschreibt Thiess der Süddeutschen Zeitung seine Passion. Das Schreiben jedoch wäre kein alltagstauglicher Beruf gewesen. Schon als Jugendlicher war es die Polizeiarbeit, in der Thiess seinen Traumberuf sah. Heute vereint der 57-jährige den Traumberuf mit dem Schreiben und es gelingt ihm, eine Sprache zu finden, die dem Thema gerecht wird.

Nicht nur sein Fachwissen trägt den Leser durch die Kapitel, sondern auch die menschliche Seite mit all der Lebenserfahrung des Autors. Thiess vermag es, beeindruckende Bilder zu vermitteln ohne bei der schwierigen Passage zwischen Nüchternheit und Sensibilität zu verrutschen. Der Leser darf den Kommissar begleiten. Von Anfang an ist er dabei, wenn Thiess am Tatort erscheint, um sich ein erstes Bild der Geschehnisse zu machen. Neugierig geworden wird indirekt Zeuge bei der Spurensicherung und bei der weiteren Polizeiarbeit vor Ort und im Hintergrund. Rechtsmedizin und gesetzliche Rahmenbedingungen, Tatverdächtige und Vernehmung – bei allem folgt der Leser dem Ermittler auf dem Fuß. Dabei geht Thiess achtsam mit seinem stillen Begleiter um, denn er möchte dem Leser keine detaillierten Schilderungen anbieten, deren Grausamkeit überfordern könnten.

Auch von sich selbst gibt Richard Thiess etwas preis. Es wird spürbar, wie dem nüchternen Profi so manches unter die Haut geht. Die Persönlichkeitsrechte anderer Personen, die im Buch beschrieben werden, behandelt er jedoch mit tiefem Respekt. Alle Namen wurden verändert und beschriebene Orte sind verwischt dargestellt, damit keine Verbindung zu tatsächlichen Opfern und Angehörigen entschlüsselt werden kann.

Autor: Richard Thiess

Verlag: dtv

ISBN: 978-3423247962

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