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Unsere Krimis – ein Labsal für die

Buchrezension: „Eisige Nähe“ von Andreas Franz

Titel: Eisige Nähe
Verlag: Knaur
ISBN: 3426663007

Der Titel „Eisige Nähe“ klingt fast zu banal für den prall gefüllten, neuen Kriminalroman von Andreas Franz. Er klingt nach einem „ganz normalen Krimi“, was er jedoch nicht ist.
Er ist mehr. Viel mehr. Die Geschichte ist eine Sammlung menschlicher Abgründe und wer – so wie viele Leser – das Nachwort schon als Erstes liest, ist vorgewarnt, was auf ihn zukommt: unzählige, sorgsam recherchierte Wahrheiten, von Andreas Franz zu einem kriminalistischen Cocktail gemixt. Ein Cocktail, den nicht jeder verträgt.

Das Kieler Ermittlungsduo Lisa Santos und Sören Henning

Das erfolgreiche Kieler Ermittlungsduo Lisa Santos und Sören Henning werden von einem anonymen Anrufer an einen Tatort geführt. Dem Anrufer ist es ein Anliegen, die Aufklärung des Verbrechens in den richtigen Händen zu wissen. Was Santos und Henning an der genannten Adresse vorfinden ist die Leiche des Musikproduzent Peter Bruhns und seine ebenso leblose Gespielin – als skurrile Inszenierung aufgebahrt.

Schon nach den ersten Ermittlungsschritten ist den beiden Kommissaren klar, dass nicht alles so ist, wie es aussieht. Hinter dem beliebten Medienstar Bruhns scheint sich ein wahrer Sumpf an geheimen Verstrickungen aufzutun. Unbeeindruckt verfolgen Santos und Henning den Fall und behalten Recht mit ihrem ersten Eindruck. Schnell führt der Weg in das heimliche Milieu von Menschenhändlern und Kinderschändern – und zu einem Personenkreis, der dem Leser nicht die klassische Krimi-Gänsehaut verschafft, sondern ungläubiges Entsetzen hervorruft.

Weitere Mordfälle – alle mit dem eindeutigen Fingerabdruck eines Profis – treiben die Ermittler immer tiefer hinein in eine ausgefeilte Parallelwelt, in der machthungrige Männer offensichtlich den Rechtsstaat außer Kraft gesetzt haben. Der anonyme Anrufer hat gut daran getan, ausgerechnet Santos und Hennig als Kontaktpersonen zu wählen – ihr Mut und ihre Loyalität für den Polizeiberuf lassen sie selbst gegen Geheiß von ganz oben weiter an der diffizilen Verschleierungstaktik kratzen. Der Erfolg stellt sich jedoch nicht mittels exakter Ermittlungsarbeit ein, sondern durch den einzig möglichen Weg, der zumindest für eine Weile den Sumpf machtkranker Persönlichkeiten trocken legt.

„Eisige Nähe“ stellt das vertraute Gut-Böse-Schema des Genres völlig auf den Kopf. Ein Profikiller wird zum Sympathieträger, Polizisten zu kaltblütigen Mördern und der Rechtsstaat zur Anarchie. Wer nun glaubt, der Roman spiele auf populistische Art und Weise mit Klischees, ist klar im Irrtum. Andreas Franz beschreibt nicht verkorkste Verschwörungstheorien, sondern fiktive Wahrheiten, wie sie in abgewandelter Form vermutlich auch in der Realität geschehen – auch wenn vieles schier unglaublich klingt.
Selbst bei Szenen, die dem Autor beim Schreiben „an die Nieren“ gegangen sein müssen, bleibt er ruhig und sachlich, und schreibt mit seinen Worten dem Leser mitunter Tränen in die Augen.

Wie gesagt – es ist nicht „nur“ ein Kriminalroman. Deshalb wäre es „unanständig“ ihn als bloße Schwimmbadlektüre zu konsumieren. Das Buch verdient Aufmerksamkeit und so sehr Andreas Franz ein kommerzieller Erfolg mit seinem neuen Buch zu wünschen ist – der spannungsgeladene Roman verdient ihn auf jeden Fall! – so sind ihm vor allem mutige und ernsthafte Leser zu wünschen, die es wagen, die Wahrheiten als solche auszuhalten.

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