Graue Herbstfarbe vor dem Fenster . . .
. . . versucht dir die Stimmung zu vermiesen, aber du bemerkst sie kaum. Du verfolgst gerade die Spur eines Mörders. Er weiß nicht, dass du ihn kennst. Er weiß nicht, wie deutlich seine Spuren für andere bereits sichtbar sind, wie sehr er sich schon in das Netz verfangen hat, das am Ende seine Falle sein wird. Du aber kennst sie alle… das arme Opfer, den scheinbar eiskalten Täter, die raffinierten Verfolger mit ihrem hochtechnischen Equipment, mit dem sie unsichtbare Spuren lesen können. Du hast mit dem Opfer gelitten, als es seine Rolle eingenommen hat. Hattest Mitleid. Aber sei ehrlich… es hat dich auch gekitzelt… zu wissen, dass du es nicht bist, sondern er, der Schreckliches zu erleiden hat.
Du hast dem Täter immer wieder heimlich über die Schulter gesehen. Vielleicht weißt du über ihn mehr als er selbst. Längst hast du ihn durchschaut. Du beobachtest die Verfolger. Genießt es für kurze Zeit, dass sie zunächst auf der falschen Fährte sind und dir dabei die Spannung unter die Haut jagen. Dennoch bist du erleichtert, als doch noch die Wendung kommt und ein Anruf oder ein zufällig aufgegriffenes Indiz den Verfolgern wieder etwas von dem aufzeigt, das du schon lange ahnst.
Du atmest kurz durch und . . .
. . . schiebst deinen Blick aus den Buchseiten. Der heiße Kakao ist kalt geworden. Du hattest ihn ganz vergessen. Schnell in die Küche und einen Neuen holen. Du schüttelst dein Sofakissen auf und schon bist du wieder der Beobachter, der Voyeur, der Mitwisser. Gerade hattest du einen Anflug von Mitgefühl für den Täter. Er hat keine Ahnung von seinem Ende, aber du weißt es: die Falle ist bereits zugeschnappt. Sehr geschickt wie der Kommissar seine Fäden spinnt. Du spürst die Genugtuung, die eigentlich ihm zugestanden hätte.
Deine Frau kommt nach Hause. “Hallo Schatz”, sagt sie, will dir etwas erzählen. “Hmm”. Zu einer ausführlicheren Antwort bist du nicht in der Lage. Sie soll jetzt nicht mit dir reden. Später. Erst den Täter dingfest machen. Ja. Jetzt! Die Autos der Verfolger halten an. Du weißt, dass sie das Richtige vermuten.
Der Täter ist genau dort,
wo sie ihn sich schnappen wollen. Du begleitest die Verfolger bei ihrem Triumph. Und den Täter bei seiner Niederlage. Er schlägt sich gut, verliert nicht seinen Stolz. Ohne Widerstand beugt er sich. Du grübelst kurz über Gerechtigkeit nach. Überlegst, ob es gerecht ist, dass er lebt und sein Opfer längst unter der Erde ist. Eine Antwort bleibt aus. Aber du weißt: er war nicht eiskalt.